Donnerstag, April 28, 2011

Zu Ostern

Die Messe vom Letzten Abendmahl mit anschließender Anbetung. Ich lese immer wieder davon, unterm Jahr, im Alltag, Jesus im Tabernakel Gesellschaft zu leisten. Bei Ihm zu bleiben, der immer da ist und auf uns wartet. In der Nacht vom Gründonnerstag geht mir das tiefer als sonst irgendwann. Jesus hat mit Seinen Jüngern das letzte Mahl gefeiert und geht in die Nacht. Seine Jüngerschar, Seine Kirche, geht mit.
"Bleibt hier und wacht mit mir!"
Die Kirche wird dunkel, und es bleibt eine kleine Gruppe Beter um den Herrn.
Noch näher als vergangene Woche im Dom ging es mir letztes Jahr in meiner Heimatgemeinde. Der Pfarrer trägt das Allerheiligste durch die dunkle Stadt, durch das Stadttor mit der Kreuztragungsszene im Torbogen, in die Kapelle auf dem alten Friedhof vor der Stadmauer. Die Ministranten begleiten den Zug mit hölzernen Klappern, ein Zug zur Hinrichtung. Der Tod sitzt im Torbogen, lauert über dem Friedhof, wartet vor den Türen der Kapelle. Der Tod freut sich auf den kommenden Tag.
Der Karfreitag.
Der Dom ist voll mit Menschen. Weil es der helle, warme Nachmittag eines "Feiertages" ist, kommen immer wieder Neugierige herein. Zwei junge Männer sitzen auf der Bank an der Domwand und unterhalten sich halblaut, wenn die übrige Geräuschkulisse im Dom es erlaubt. Sonst flüstern sie. Sie stehen nicht auf, sie bekreuzigen sich nicht. Nach einer Weile gehen sie wieder. Eine Gruppe Asiaten steht eine Weile im hinteren Bereich, still, sieht eine Weile zu. Sie gehen wieder. Regelmäßig geht die Domtür quietschend auf, Leute kommen, Leute gehen. Wahrscheinlich wie bei der Kreuzigung. Nachdem die quatschenden jungen Männer weg sind, bevor es mir wirklich genug war, ärgere ich mich auch nicht. Plötzlich passt alles in die Szene. Jesus stirbt, die meisten Menschen in Jerusalem sind beschäftigt.
Maria ist da. Als der Soldat Jesus die Lanze in die Seite sticht, schnürt es mir das Herz zu. Mir kommen Bilder in den Kopf, die ich nicht lange davor gesehen habe - Bilder von Ermordeten, von Erstochenen. So sieht das also aus. Mir kommt das Bild klar vor Augen, und Maria sieht zu, wie das ihrem Sohn angetan wird. Sieht den geschundenen, gefolterten, getöteten Leib ihres Sohnes, dem am Ende noch diese klaffende Wunde zugefügt wird.
Muss Maria nicht bis zuletzt auf ein Wunder gehofft haben? Wusste sie nicht besser als alle anderen, ohne jeden Zweifel, dass dieser Mann, ihr Kind, von Gott kam? Konnte einer, der so ungewöhnlich geboren wurde, so gewöhnlich sterben? Und in diese Hoffnung, an die sich ihr Mutterherz durch alle Qualen hindurch geklammert haben muss, stößt der Soldat die Lanze. Es ist vorbei, wirklich vorbei. Er ist tot.
Und er bleibt es. Kein göttlicher Donnerschlag vernichtet den Soldaten. Da kommt kein Engelsheer. Man nimmt Ihn vom Kreuz ab, hüllt Ihn in Tücher, legt Ihn ins Grab, und rollt den Stein davor. Der Rest ist Taubheit.
Karsamstag.
Es ist Schabbat. Das Land ruht. Das Volk ruht. Was sonst ein heiliger Festtag ist, verurteilt die Jünger und Maria jetzt zur Untätigkeit. Da ist Taubheit und Leere, und nichts, um davon abzulenken. Kein Gang zum Grab, um dem geliebten Toten noch eine letzte Ehre zu geben. Ein Tag des Wartens, der all den Ereignissen Gelegenheit gibt, auf die Gedanken einzustürzen. Der Schabbat beginnt mit dem Sonnenuntergang, aber als die Sonne wieder aufgeht, hat sich immer noch nichts geändert. Er liegt im Grab. Die Sonne geht wieder unter.
Osternacht.
O unfassbare Liebe des Vaters...
Wie niedrig fühle ich mich plötzlich. Wie erbärmlich, diese ganzen Sticheleien, das Geläster; wie gedankenlos, mein Vor-mich-hin-beten. Wie klein meine Liebe. Die Erlösung ist da und zerschlägt mich zu Tränen. Wie gemein vom Organisten, zur Kommunion ein Lied zu spielen, das mich selbst an besten Tagen zum Schluchzen bringt. Ich gehe in die Bank zurück, und das Weinen schüttelt mich.
Freu Dich, Du Himmelskönigin! Freu Dich, Maria - Du hast Dich nicht getäuscht. Was Du nicht verstehen konntest, siehst Du jetzt. Dein göttlicher Sohn hat uns die größte Liebe erwiesen, der aus Dir Geborene hat alles ertragen, alles überwunden. Freu Dich, der Tod ist all dahin.
Hab ich mich je über ein Halleluja so gefreut? Ich hab es in der Fastenzeit, wie üblich, kaum vermisst. Hätte kaum gemerkt, dass es gar nicht gesungen wird. Jetzt kommt es mir vor, als müsste ich den Verstand verlieren vor Freude. Der Körper ist ein zu enges Gefäß für so viel Glück. Seine Wunden sind Siegeszeichen, was am Karfreitag kaum zu ertragen war, ist jetzt unser Heil.
Christus der Herr ist auferstanden,
Er ist wahrhaft auferstanden,
Halleluja.

2 Kommentare:

.U. hat gesagt…

Frohe Ostern, liebe Yon!


Darf ich fragen, welches Lied zur Kommunion gespielt wurde?

Yon hat gesagt…

Yerushalayim shel zahav. :D
Wie genau das jetzt zur Kommunion passt, kann ich Dir auch beim besten Willen nicht sagen. Aber es reißt mir alle emotionalen Sicherheitsgurte sauber durch.

Frohe Ostern Dir auch!