Mittwoch, September 14, 2011

Wieso ich keine Talkshows gucke...

Weil ich mich zu sehr aufrege. Ist schon mit den Vorankündigungen schlimm genug.

Ich hab mich da ein bißchen über die Frau Gierse aufgeregt.
Frau Gierse hat ein Problem mit einer Anstellung, die sie gerne hätte. Nämlich, dass sie die aufgrund ihrer Lebensumstände nicht bekommt. Ich gestehe ihr da eine gewisse Menge Frust zu. Ja. Sie hätte zwar, als engagierte Katholikin, schon vor 24 Jahren wissen können, dass das mit der Wiederheirat so eine Sache ist. Und wenn sie selbst es im Sog der Gefühle einer neuen (und offenbar bislang ziemlich tragfähigen) Beziehung damals nicht ganz auf dem Schirm hatte - geschenkt -, dann hätte ihr das eben besser jemand anders stecken sollen, vorzugsweise jemand, der für die Sakramente zuständig ist, sprich: der Herr Pfarrer. Stattdessen hat man sie auf Honorarbasis beschäftigt, damit sie dann bei der Bewerbung auf die Festanstellung so richtig aufs Gesicht fällt. Schön ist das nicht. Hätte man ahnen können, ein Geheimnis ist sowas schließlich auch nicht. Aber okay, sie hat Frust, weil man ihr das ein Vierteljahrhundert lang auf Gemeindeebene so durchgelassen hat, und als es dann offiziell wird, steht da plötzlich ein Stopschild. Ärgerlich. Und wir können für uns mal die Lehre daraus ziehen, dass beharrliche Inkonsequenz mit Theorie und Praxis dazu neigt, jemandem früher oder später ins Gesicht zu explodieren, und dann wird's hässlich.

Nun geht sie damit aber an die Medien (unter anderem auch, der Ankündigung nach, in Talkshows) und erzählt da so Sachen. Sei's drum, das ist ihr gutes Recht. Mein gutes Recht ist es, zu sagen, was ich davon halte. Zum Beispiel von Sätzen wie diesem:

"Missbrauch verjährt, Scheidung aber nicht."

Die Höflichkeit verbietet mir, ganz offen zu sein, und ich beschränke mich stattdessen zunächst mal auf ein "ARGH."

Aus dem Artikel:
Die Eheleute Gierse macht es maßlos traurig, dass in der Kirche ihrer Auffassung nach mit zweierlei Maß gemessen wird: "Missbrauch verjährt, Scheidung aber nicht."

Wisst ihr, was mich maßlos traurig, nein, wütend macht?
Dass das völlig idiotisch ist.
Okay, das war jetzt nicht mehr höflich. Aber ich erklär das mal ein bißchen.
Missbrauch verjährt. Ja. Das ist so. Da kann man drüber ausgiebig diskutieren, ob das gut oder schlecht ist, ob man da den Überlebenden Hindernisse in den Weg legt, Täter ungeschoren davonkommen lässt, oder andererseits auch Unschuldige vor zerstörerischen falschen Anschuldigungen schützt - man diskutiert das, unter anderem, wohl am besten mit einem Juristen. Mit einem Juristen, denn - und das ist der Knüller - es ist eine strafrechtliche Angelegenheit. Das hat man für die Bundesrepublik Deutschland so beschlossen.
Nicht für die Kirche.
Verjährt Missbrauch in der Kirche? Nein. Weil es eine schwere Sünde ist. Da ist die Kirche ganz mit einerlei Maß unterwegs. Missbrauch verjährt so wenig wie irgendeine andere schwere Sünde. Man kann das bitter bereuen, Besserung geloben und einhalten, beichten und auf Gottes Vergebung hoffen. Daneben bleibt da immer noch das weltliche Gericht. Verjähren tut's bei uns nicht. In Ewigkeit nicht, wenn die Umkehr ausbleibt.

Was übrigens noch so in der Kirche nicht verjährt, sind die Sakramente. Das ist auch gut so. Ich hätte nicht wirklich Lust, mich alle 10 Jahre neu taufen, firmen, verheiraten zu lassen. Ich kann jeden Tag neu zu dem umkehren, was diese Sakramente für mein Leben bedeuten, aber daran, dass sie auf ewig gespendet sind, ist nicht zu rütteln: Die stehen nämlich für Gottes Treue zu uns, und die überdenkt Er ja auch nicht alle 10 Jahre nochmal. Die gilt auch für immer. Gott sei Dank.

Könnte man eigentlich wissen, wenn man sich seit mehreren Jahrzehnten in einer katholischen Kirchengemeinde engagiert. Könnte man. Bringt halt nicht so die griffigen Parolen, die man in Talkshows präsentieren kann, um der Kirche ans Bein zu pinkeln.

Dass kaum einer merken wird, dass die gute Frau Gierse in ihrem Ärger da Dinge durcheinander wirft, die gar nix miteinander zu tun haben (aber ey, Missbrauch macht sich immer gut, wenn die Kirche mit Moral kommt!) macht mich auch irgendwie... maßlos traurig.

Tja, so ist das.
Also guck ich keine Talkshows.
Ist so schon schlimm genug.

6 Kommentare:

Sarah hat gesagt…

DAAAANNNNNKKKKEEEE!!!!

Wäre ich noch auf fb, ich hätte es sofort verlinkt!!!

Wirklich, ganz herzlichen Dank, du bist nicht die einzige, die das so sieht!

Ich werde es mir am Freitag aber ansehen und vorher ganz kreftig beten.

L. A. hat gesagt…

Im Prinzip jaaaa!

Aber ich werde für Sabine B. und Peter S. eine Ausnahme machen,mit einem sehr nervösen Finger am "speakers off! - Button, bevor ich dann doch einen Stein in den Screen werfe, zuviel Sauerei :-)

Katholikus hat gesagt…

"Sie hätte [...], als engagierte Katholikin, schon vor 24 Jahren wissen können, dass das mit der Wiederheirat so eine Sache ist."

Dass ein Herr Bischof oder ein Herr Seewald zu feige sind, solch ein einfaches, aber mutiges katholisches Argument zu verwenden, war klar ("einfach", weil es schlicht katholische Lehre ist, "mutig", weil es gegen den Strom des Zeitgeistes schwimmt). Dass aber auch unsere liebe Benedikta sich das nicht getraut hat, sondern stattdessen der Kirche in den Rücken fällt, indem sie die Nichteinstellung der Frau Gierse kritisiert, ist wahrhaft beschämend. Danke, Yon, dass du dich wenigstens traust, das auszusprechen!

Yon hat gesagt…

Danke! :)

@Katholikus:
Sabine hätte sich aber sicher noch vieles getraut, wenn man sie nur hätte ausreden lassen. Wir haben den Fall ja auch "hinter den Kulissen" diskutiert, also kann ich sie da wirklich in Schutz nehmen. :)

Katholikus hat gesagt…

Nein Yon. Bei der Frage, was sie von der Causa Gierse halte, durfte sie laut und deutlich ausreden.

"Ich kann ihre Enttäuschung und ihren Schmerz absolut nachempfinden. Das ist von arbeitsrechtlicher Seite nicht zufriedenstellend gelöst worden. Da kann man noch was verbessern".

Yon hat gesagt…

Aber Sabines Äußerung ist immer noch recht ähnlich zu dem, was ich auch gesagt hab. Auf Honorarbasis war sie gut genug, fest plötzlich nicht mehr. Da kann man sich vor den Kopf gestoßen fühlen. Und ganz ehrlich: Im direkten Gespräch mit der Dame fänd ich es auch unverschämt, ihr direkt das "hättste halt" vor den Latz zu knallen. Auch wenn ihr die Eigenverantwortung an der Situation im Laufe des Gesprächs recht bald nahezubringen ist.

Okay, ich weiger mich immer noch, die Sendung anzusehen. Kann deswegen nicht beurteilen, ob nach Sabines Aussage eine lange Pause war, in der sie diese Rede hätte weiterführen können, während alle grade am Glas nippten. Aber ich schätze mal, für ein ausführliches Gespräch, in dem das glasklar und trotzdem in Liebe dargelegt wird, war in der Sendung keine Zeit.

Und da bin ich dann auch mal so lau und sag: Einer Privatperson, die neben der ganzen Organisation für den Kartenversand zur Papstmesse noch schnell Zeit und Nerven findet, sich in ner absehbar antikirchlichen Talkshow medienerfahreneren Leuten zum Fraß vorzuwerfen, werf ich nicht vor, der Kirche in den Rücken zu fallen, nur weil sie es nicht für weise hält, jemandem ein knackiges "selber schuld" hinzurotzen, sondern erstmal ein bißchen Sympathie herstellt.

Nur, dass wir uns verstehen.